Sonntag, 22. Januar 2017

Wenn historische Romane lügen, oder: The Underground Railroad

Autor: Colson Whitehead
fertig gelesen am 21.01.17 

Letztes Jahr hatte ich John Irivings The world according to Garp auf meiner Liste stehen in der Kategorie A National Book Award Winner. Das Buch stand schon lange bei mir im Regal. Allerdings war dann schon der 30.12. und ich wusste, dass ich das Buch nicht innerhalb von zwei Tagen schaffen würde. Dafür passt es dieses Jahr ganz toll in eine andere Kategorie, also habe ich mich nach einer Alternative umgesehen. The Underground Railroad hat 2016 den National Book Award gewonnen und behandelt ein spannendes Thema, über das ich noch viel zu wenig wusste. Da ich das Buch aber nicht mal zu einem Viertel geschafft habe, bevor das Jahr um war, bekommt es einen Platz auf der diesjährigen Liste. 

Die Underground Railroad (dafür gibt es anscheinend keinen deutschen Namen) war ein in den 1780ern gegründetes Netzwerk, das versuchte Sklaven aus dem US-amerikanischen Süden in die freien Staaten im Norden zu Schleusen. Die Protagonistin Cora ist eine Sklavin, die auf einer Baumwollfarm in Georgia geboren und aufgewachsen ist und sich eines Tages mit einem anderen Sklaven der Plantage auf die Flucht macht. 

Hier wirds spannend: Ich habe die Underground Railroad ursprünglich als metaphorischen Namen für ein Netzwerk an Safehouses und hilfreichen Leuten verstanden, bevor ich das Buch gelesen habe. Tatsächlich wird die Underground Railroad im Roman als echtes unterirdische Zugsystem dargestellt. Geschichtliches Nackerbatzerl was ich bin war ich super beeindruckt davon und hab auch vielen Leuten in letzter Zeit davon erzählt. Wenn man einen historischen Roman liest, dann glaubt man dem doch, oder? 

Nein, sollte man wohl nicht. Der Teil mit den unterirdischen Zügen ist frei erfunden, wie ich gerade eben recherchiert habe. Um ganz ehrlich zu sein, das trübt meinen Lesegenuss retrospektiv ganz gewaltig. Klar kann ein Roman Fiktion sein, aber dumme Europäerinnen wie ich könnten das ja wirklich glauben...  

Wenn ich über diesen Irrtum meinerseites hinweggekommen bin (war eigentlich klar, dass es nicht sein kann, oder?), dann werde ich trotzdem sehen, dass das Buch sehr spannend und berührend ist. Aber trotzdem verliert es für mich dadurch, dass es eben nicht so gewesen sein kann, einen Teil von dem, was es für mich beeindruckend gemacht hat. Trotzdem lesenswert. Glaube ich... Ich weiß, es heißt aus einem Grund "Fiktion", aber wer glaubt denn, dass ein Autor in einem historischen Setting soetwas dazu erfindet?! Ich fühle mich übers Ohr gehauen... Und vor ein paar Stunden war ich noch so begeistert von der Geschichte. So kann's gehen.

Sarah L.
Buch 3 von 52

P.S.: So manche Wahrheit ging von einem Irrtum aus. Marie von Ebner-Eschenbach

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